Verleihung des Hansel-Mieth-Preises


Bereits zum 23. Mal wurde am Donnerstag, 23.09.2021, der Hansel-Mieth-Preis im Fellbacher Rathaus verliehen. Insgesamt 116 Bewerbungen wurden eingereicht. Gewonnen hat den mit 6.000,00 Euro dotierten Preis der renommierte Journalist und Fotograf J.J., der zu seinem eigenen Schutz und dem der Handelnden seiner Reportage nur mit seinen Initialen genannt wird. Ausgezeichnet wurde er für seine Reportage „Die Kolonie der Kämpfer“, die im Magazin Geo erschienen ist. Sie beleuchtet Chinas Einfluss auf die Metropole Hongkong. Der Journalist begleitete dafür 2019 über mehrere Monate hinweg Hongkonger Aktivisten und wurde Zeuge ihrer Radikalisierung.

Durch den Abend führte SWR-Moderator Jochen Stöckle. Musikalisch unterstützt wurde das Programm von Eva-Leticia Padilla und Dany Labana Martinez. Stöckle betonte  gleich zu Beginn, wie schön es sei, dass es auch heute noch Medien gebe, die Platz hätten für gut erzählte Geschichten und Journalisten, die diesen Platz bekämen. Auch Oberbürgermeisterin Gabriele Zull bekräftigte, wie wichtig freier Journalismus als eine wesentliche Stütze der freien Demokratie sei. Pressefreiheit könne nur gewährt werden, wenn die Presse frei und sicher berichten könne – überall auf der Welt. „Meine Hochachtung gilt allen Preisträgern, die sich mit großem Engagement und oft unter persönlichen Gefahren ihrer Aufgabe widmen. Sie lassen uns Teilhaben und Mitfühlen, vermitteln uns Eindrücke und bewegende Momente – aber vor allem bilden sie ihre Gegenwart ab.“ Über die Gewinnerreportage sagte sie: „Die Lektüre fesselt und erschüttert gleichermaßen. Die Bedrohung der Demokratie in Hongkong durch Festlandchina ist real. Die Restriktionen geschehen vor den Augen der Welt. Eine äußerst beeindruckende Reportage.“

Festredner des Abends war Frank Thomsen, Publisher von Gruner + Jahr, der in seinem Vortrag über die Zusammenarbeit von Verlegern und Redaktionen sprach und wie sie sich über die Jahrzehnte verändert hat. Auch thematisierte er die Zukunft des Journalismus und appellierte an die anwesenden Journalisten, sich auf die Bedürfnisse der nächsten Generation einzustellen.

Im Anschluss las Moderatorin, Schauspielerin und Sprecherin Barbara Stoll Teile der Gewinner-Reportage vor, während im Hintergrund die eindrücklichen Fotos dazu an die Wand projiziert wurden. In seiner Laudatio hob Jurymitglied Jonas Wresch hervor wie J.J. die Leser seiner Reportage dazu zwinge, darüber nachzudenken, ob man selbst genauso handeln würde wie sein Protagonist. Der Leser erlebe anhand des Textes aber auch durch die Fotografien hautnah mit, wie sich der gewaltlose Widerstand schnell ändere und der Protagonist zum Gewalttäter werde. Bei der Reportage „Die Kolonie der Kämpfer“ handle es sich um ein zeitgeschichtliches Dokument aus Sicht des Antihelden.

Der Autor, der selbst in Hongkong geboren wurde, erzählte abschließend selbst, wie er nach den ersten Protesten von Europa nach Hongkong geflogen war. Dort erlebte er mit, wie innerhalb von wenigen Tagen die Gewalt überhandgenommen habe. Moralisch schwierig sei es für ihn gewesen, die ansteigende Gewalt von beiden Seiten und die damit verbundene unbequeme Wahrheit in einer Reportage zu beschreiben. Er betonte, alle Seiten hätten schlimme Fehler gemacht und es geben nicht immer nur schwarz und weiß – was er mit seiner Reportage zeigen wolle.

Weitere Informationen:

Die Reportergemeinschaft Zeitenspiegel Reportagen erinnert mit dem Preis an ihr 1998 verstorbenes Ehrenmitglied Johanna „Hansel“ Mieth, die in Fellbach aufgewachsen ist. 1924 riss sie mit 15 Jahren von zu Hause aus und emigrierte mit ihrem Jugendfreund nach Amerika. Als Fotoreporterin widmete sie sich für das amerikanische Magazin Life sozialen Themen. Der Preis würdigt herausragende engagierte Reportagen. Text und Fotos werden dabei gleichermaßen bewertet.

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Redakteur / Urheber
© Mareike Spahlinger (Stadt Fellbach)