„Fellbach sucht die Mitte“
Diskussion um Standort Endhaltestelle


„Fellbach setzt auf den öffentlichen Nahverkehr!“, stellte Oberbürgermeisterin Gabriele Zull klar. Die Stadtbahnlinien U1 und U16 gehörten inzwischen zum Stadtbild. Die Fellbacher Oberbürgermeisterin sieht die Linie allerdings noch besser eingebunden, wenn die künftige Endhaltestelle Lutherkirche um gut 100 Meter nach Westen verlegt werde. Möglich würde diese Verlegung beim notwendigen Umbau des Hochbahnsteigs für die künftigen 80 Meter-Züge der U1. Der Gemeinderat diskutierte die verschiedenen Standort-Varianten am vergangenen Dienstag, 18. Mai, kontrovers.

Worum geht es? Die U1 benötigt eine höhere Kapazität. Daher werden die Züge verdoppelt und die Haltestellen müssen deutlich verlängert werden. Die Anpassungen für die 80-Meter-Züge greifen naturgemäß in die bestehende Infrastruktur ein, zumal es sich um Hochbahnsteige handelt. Nach den Plänen der Stuttgarter Straßenbahnbetriebe (SSB) soll der Ausbau in zwei Bauabschnitten erfolgen. Die Baurealisierung zwischen Bad Cannstatt und Fellbach ist für die Jahre 2022 bis 2024 angedacht. Das Planfeststellungsverfahren soll daher in diesem Sommer beginnen. In Fellbach sind von dem Ausbau alle fünf Haltestellen betroffen. Während der Platz bei vier Haltestellen ausreichend ist, ist die Endhaltestelle Lutherkirche „etwas kniffeliger“. Hier treffen Stadtbahn und Busse zusammen und die Kreuzungen sind heute bereits nicht ganz übersichtlich. Fußgänger und Radfahrer wechseln aus den Einkaufsstraßen ins Rathaus Carrée. Die Verwaltung hat daher vorgeschlagen, die Endhaltestelle um knapp 100 Meter nach Westen hinter die Einfahrt der Tiefgarage zu verlegen, während die SSB den bisherigen Standort präferiert.

„Am einfachsten wäre es sicher, die Haltestelle zu verlängern und nicht weiter zu überlegen“, erklärte Fellbachs Oberbürgermeisterin nach den Ausführungen von Dr. Volker Christiani, dem Abteilungsleiter für Planung bei der SSB. Doch die OB warb dafür, alle Interessen in den Blick zu nehmen. Christiani hatte vorher moniert, dass bei einer Verlegung ein funktionierender Mobilitätspunkt auseinandergerissen würde. Bei Umstiegen benötigten dann die Fahrgäste künftig etwa zwei Minuten länger. Nach den Rechenmodellen der Stadtbahngesellschaft beträfe dies knapp 600 Personen täglich, die neben der Stadtbahn auch den 60er Bus nutzen. Die Kosten für den Umbau beziffert die SSB auf rund 1,1 Millionen Euro. Bei einer Verlegung müsse mit mindestens dem Doppelten gerechnet werden. „Eine Haltestelle in der Stadtmitte ist eine Bereicherung“, ist Christiani überzeugt.

Dem stimmte die OB zwar zu, doch sie sieht den Haltestellenpunkt auch knapp 100 Meter weiter westlich noch als zentral an. In den vergangenen Jahren habe die Stadt viel in die Innenstadt investiert. Das Konzept der „Plätze und Wege“, das im Rathaus Carrée so gut funktioniere, werde auch in der Cannstatter Straße und Bahnhofstraße umgesetzt. Der verlängerte Hochbahnsteig an der Lutherkirche würde dieses Gebiet künftig noch mehr zerschneiden. Fußgänger und Radfahrer müssten um die Barriere herumlaufen, „was alles andere als barrierefrei ist.“ Sichtachsen werden zerstört und die Lutherkirche weiterverdeckt. „Eine Stadt ist viel mehr als nur ein Mobilitätspunkt.“ Neben diesen konkreten sichtbaren Zeichen gingen der Stadt durch die Verlängerung des Bahnsteiges auch Potenzialflächen für eine Umgestaltung der Stadtmitte verloren.

Baubürgermeisterin Beatrice Soltys stellte bei einem Blick in die Geschichte fest, dass sich die Haltestelle schon mehrfach geändert habe. Oft war der Wandel technisch begründet. Die heutige Haltestelle, die zunächst ohne Hochbahnsteig angelegt war, grenze an ein nicht fertiggestelltes Gebäude, das ursprünglich auch in eine Unterführung der Seestraße münden sollte. Der Standort sei also nicht grundsätzlich festgelegt und auch nicht wirklich so realisiert wie geplant.

Als „Riesenchance“ bezeichnete Stadträtin Aileen Hocker (FW/FD) die Verlegung der Haltestelle. Sie mahnte allerdings auch an, sich mit dem Vorhaben intensiv zu befassen und alle Interessen in den Blick zu nehmen. Eine Meinung die grundsätzlich von allen geteilt wurde. Dafür „die Stadtbahn nicht als Barriere zu sehen“, plädierte Stadtrat Andreas Möhlmann (SPD), der auch den prognostizierten Rückgang der Fahrgastzahlen durch das Auseinanderlegen von U-Bahn-Halt und die Haltestelle für den 60er Bus als gravierend ansieht. Die Bahn solle in der Stadtmitte integriert werden, so seine Forderung. „Es bleiben viele Fragen“, formulierte Simone Lebherz, Fraktionsvorsitzende der CDU. Die für die Stadtbahn keinen besseren Halt als die Lutherkirche sieht. Agata Ilmurzynska sieht die Planungen im Spannungsfeld zwischen Mobilität- und Stadtplanung. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen mahnte auch weitere Zahlen zu den Fußgänger- und Radfahrströmen sowie zu den Kosten an.

„Wir werden uns Zeit nehmen und mit den Unternehmern, den Radfahrern, Fußgängern, Anwohnern und der AG Hürdenlos sprechen“, versprach Oberbürgermeisterin Zull. In den kommenden Wochen sollen verschiedene Gespräche vor Ort angeboten werden, außerdem sollen Informationen auf die Webseite der Stadt eingestellt und einfache Rückmeldemöglichkeiten geschaffen werden. Diese Rückmeldungen „werden wir im Juli oder September im Gemeinderat vorstellen“, erklärte Gabriele Zull.